Bernd Nitzschke

Der Einzige und sein Eigentum –

der Körper des Anderen

 

1

Johann Caspar Schmidt, alias Max Stirner, veröffentlichte seine Schrift gegen den Mann ohne Eigenschaften – also gegen «den» Menschen, der kein «Einziger» sein will, beziehungsweise nur ein Gemachter und Gedachter ist – in einem ereignisreichen Jahr: 1844.[1] In dieser Schrift polemisiert der anarchische Denker gegen die Gewalten der Entfremdung, gegen «Staatsmaschine» und «Gefängnisgesellschaft» (1981, 250; 240). Auch gegen die blödsinnige Metapher vom Unmenschen geht Stirner vor, die zumeist dann angewandt wird, wenn von Taten die Rede ist, die wirklich nur von Menschen vollbracht werden können. Der Unsinn der Metapher vom Unmenschen wird von Stirner so unterlaufen: «Ich bin wirklich der Mensch und Unmensch in Einem» (1981, 195). Stirner denkt jenseits von Gut und Böse und liefert auch sonst Stichworte für Nietzsche. Er entwickelt die dialektische Einheit der moralischen Gegensätze und gelangt zu einer Umwertung aller Werte. Er entdeckt den Eigensinn, den Egoismus, als die geheime und verleugnete Triebfeder aller moralisch genannten Handlungen. Und – sehr weit vorausblickend – auch den Verwandlungskünstlern von 1968ff (die von heißen Kämpfern zu kalten Kriegern mutierten) hat Stirner etwas zu sagen: Nicht nur Mensch und Unmensch, auch Revoluzzer und Philister sind hinterrücks miteinander verwandt. Und das kommt so: Die Revolte ist eine Aktion, die gerade so lange dauert, wie der «Rausch» anhält. Ist dieser vorbei, schlägt die Stunde der Re-Aktion; dann verwandelt sich der «wilde Geselle» in den «Philister» zurück, der er immer schon war. Der «wilde Geselle» ist also ein außer Rand und Band geratener «Philister»; und dieser ist ein in Bande geschlagener «wilder Geselle», der bei Gelegenheit (unbeobachtet) gerne bereit ist, die Bürde der Kultur abzuwerfen. Das ist überhaupt Stirners Freude: in jedem «Guten» das versteckte «Böse» aufzuzeigen. Er ist ein Teil von jener Kraft, die das «Gute» haßt, das selbstgerecht das Böse schafft. Die Menschenliebe etwa: Verbunden mit dem Gefühl, man vertrete Werte, schlage sie, wie Stirner meint, rasch um in Menschenquälerei. Der gute Bürger, der gerechte Richter: Eitle! Ihr «Begriff des <Guten>» (1981, 325) sei mit einer Bettstatt zu vergleichen, die den Maßstab abgibt für alle «guten» Menschen, die sanft zu ruhen wünschten. Dabei werden den einen die Glieder gestreckt, den anderen werden sie abgehackt. Und am Ende paßt jeder in die Bettstatt des «Guten».

Und wir? – Gehen wir mit den Menschen, die wir «lieben», anders um? Hacken, strecken wir sie nicht, bis sie die rechten Maße zeigen; bis sie dem Bild, den Phantasien (von der guten, gerechten Liebe) entsprechen, die wir seit Kindertagen mit uns herumschleppen? Und jene, die uns lieben? – Gehen sie rücksichtsvoller mit uns um? Verzichten sie darauf, uns zu vermessen; uns an das zu kurze oder zu lange Bett ihrer erotisch-sexuellen Phantasien anzupassen? – Wohl kaum!

Ein Strecken, Schneiden, Ziehen, bis die Leiber einander an die mitgebrachte Bettstatt, an die Bilder vorgefertigter Phantasien endlich angepaßt haben. Ein wenig Geschick, und es gelingt schließlich doch, den Anderen mit dem Bild der eigenen Phantasie zu verwechseln. Aber das geht nicht ohne Kampf. Das Duell steht nicht am Ende der Liebe – es beginnt mit ihr. Ein Hauen und Stechen. Und bevor der Degen in der Scheide steckt, sind manche blutigen Wunden geschlagen worden. In der Hitze des Gefechts (im Hochgefühl des Verliebtseins) spürt man die Schmerzen nicht. Hinterher jucken zumindest die Narben.

2

Ein schwindelerregender Weg führt aus der Tiefe, in der der antike Liebesgott haust, hinauf zur Höhe, auf der der christliche Gott der Liebe thront. Dort unten: die Verherrlichung des tierischen Zentrums der Liebe, die Idealisierung des Geschlechts(-teils) und die kultisch-rituell zelebrierte öffentliche Orgie, die geschlechtliche Vereinigung als Mittelpunkt des religiösen Festes. Hier oben: ein düsterer Blick auf das Geschlechts(-teil) des gefallenen Engels, auf das Signum des Bösen, und ein Fluch auf die Satansmesse, auf die wahl- und grenzenlose Vereinigung der Leiber jenseits von Gut und Böse. Der jüdisch-christliche Gott der Liebe kommt ganz und gar ohne Geschlechtsteil aus.

Stirners Kommentar: «Vorchristliche und christliche Zeit verfolgen ein entgegengesetztes Ziel, jene will das Reale idealisieren, diese das Ideale realisieren» (1981, 407). Das Geschlecht, die Leidenschaften, das Begehren – sie sind real. Die Liebe und all die schönen Dinge, die ihr angemessen sind – sie sind ideal (und bleiben in der Regel ein Ideal). Wäre es nicht besser, das Reale zu idealisieren, anstatt das Ideale – wenn nötig: mit mörderischer Gewalt – zu realisieren?

Stirner ist gegen den Staat, gegen die Partei, gegen das Politbüro – gegen Emanzipationsstrategen jedweder Couleur. Er ist gegen alle, die das Reale verleugnen wollen und das Ideale mit mörderischer Konsequenz durchzusetzen versuchen. Er ist gegen diejenigen, die im Namen der Wahrheit, des Guten, des Schönen und der Gerechtigkeit mit Feuer und Schwert über alles herfallen, was der moralische Terror als «böse» erkennt. Gegen diejenigen, die eine Welt imaginieren, die «besser» sein soll als die bestehende Welt. Wer das Verhältnis zwischen den Geschlechtern «freier» machen will, als es ist, der sollte erst einmal über Freiheit nachdenken.[2] Wer die Liebe aus den Ketten unterirdischer Begehrlichkeiten lösen will, der sollte sich erst einmal Gedanken über die zerstörerischen Konsequenzen eines solchen Unternehmens machen.

Nichts als Hohn und Spott für die «Guten»; und scharfsinnige Argumente, gute Gedanken für den Kampf gegen die «Guten».

Mit Stirners kühnen Blicken: auf in den Geschlechterkampf! Auf diesem Terrain findet das Sujet des klassischen Western – das Duell zwischen dem «Guten» und dem «Bösen» – allemal Bestätigung (soweit es um Ideologien geht). Und doch ist es nur ein Scheingefecht. Denn dieser Gegensatz, auf dem eine jahrhundertealte Realitätskonstruktion ruht,[3] die ihrerseits nichts weiter ist als eine Phantasmagorie, verdeckt die Tatsachen: Im Bösen steckt das Gute; und am Guten klebt das Pech.

Hier die bessere, dort die schlechtere Hälfte – mal auf dieser, mal auf jener Seite. Und doch gilt – von selbstquälerischen Ausnahmen abgesehen: das eigene ist immer das bessere Geschlecht. Aber leider gilt auch – von einer kleinen radikalen Minderheit abgesehen: man kommt ohne das andere Geschlecht nicht aus. Also Hauen und Stechen, auch wenn’s die furchtsamen Weiblein und die verschreckten Männchen gern anders hätten. Man/frau hofft auf eine Prämie: das demutsvoll präsentierte Geschlecht des/der Andern. Es lohnt sich also darum zu streiten, Mann/Frau in die eigene Phantasiewelt zu entführen, ihn/sie dort festzubinden.

Aber der Staat wacht über die ein- und anklagbaren Regeln des Liebens und des Hassens. Der Staatsanwalt wacht über die Liebe im Ehebett als Pflicht, als Laune oder als Vergewaltigung. Stirner aber haßte Staat und Staatsanwalt. Nach ihm zu fragen ist deshalb nicht opportun. Nach wem? Nach Stirner oder nach dem Staatsanwalt? Und was ist mit der Anarchie unserer sexuellen Phantasien (wenn solche Phantasien überhaupt noch zustande kommen in einer Zeit, die nur handgreifliche «Fakten» anerkennt)? Gegen ein Verbot der Porno-Industrie spräche nichts – jedenfalls nicht weniger als gegen ein Verbot der Bewußtseinsindustrie (einschließlich jener Magazine, die ihre Auflagen durch PorNO steigern). Der Staatsanwalt im Ehebett und vor dem Pornoladen – nur leider ist er blind für jene Spuren der Gewalt, die unheilbare Wunden schlägt, nicht weil sie zum «Faktum» werden mußte, sondern weil sie in dunklen Tiefen wütet, vor denen Herr Saubermann (& -frau) die Augen verschließen.

Ein Verbot dieser dunklen Tiefen aller Leidenschaften und Machtgelüste und ein Verbot der Bewußtseinsindustrie – mit weniger sollten wir uns nicht begnügen. Und wenn nur weniger zu haben ist? Dann: zum Teufel mit dem Staatsanwalt!

3

Zurück zu Stirner! – «Wer aber voll heiliger (religiöser, sittlicher, humaner) Liebe ist, der liebt nur den Spuk, den <wahren Menschen>, und verfolgt mit dumpfer Unbarmherzigkeit den Einzelnen, den wirklichen Menschen, unter dem phlegmatischen Rechtstitel des Verfahrens gegen den <Unmenschen>» (1981, 321).

Die Sittlichkeitsapostel und die heilige Einfalt: Welch schönes Schauspiel! «Aber ach? ein Schauspiel nur!» Wo pack ich euch, ihr Brüste der Natur? – Nichts als Dressur: Man/ frau will die Liebe ohne deren ständigen Begleiter, ohne den Haß. Und man/frau verliert sie gerade deshalb aus den Augen. Gezähmt, weder ganz Schaf noch ganz Wolf, stürzen sich die Leiber aufeinander – und erschrecken. In der realen Nähe sieht alles ganz anders aus, als es, aus idealer Ferne wahrgenommen, erschien.

Und die Gewalt? «... durch die Gewalt Anderer, durch die Dressur der Sitte, der Religion, der Gesetze, des Staats usw.» (1981, 200) kommt Verstellung, kommt Heuchelei ins Spiel (der freien Liebe).[4] Apropos Erziehung. Das Duell zwischen dem Guten und dem Bösen ließe sich ohne eine Klassifikation der Affekte, ohne eine Erziehung der Gefühle überhaupt nicht inszenieren. «Gute» Gefühle zeigt man schließlich auch dann, wenn man sie nicht erlebt hat (dann ist man höflich); und «böse» Affekte verbirgt man gerade dann, wenn man sie erlebt hat (dann ist man auch höflich). Dadurch werden die Beziehungen zwischen den Menschen äußerlich flacher und innerlich verwickelter. Und so liegt über der animalischen Gestalt der sexuellen Wünsche ein Zuckerguß (frommer Wünsche). Das ist sozusagen: der böse Wolf als Osterlamm.

Du sollst deine Eltern lieben! Du sollst deinen Mann/deine Frau lieben! Du sollst die Liebe lieben! Du sollst bestimmte Gefühle in bestimmten Situationen bestimmten Menschen gegenüber haben – und die bestimmten Gefühle, die du in bestimmten Situationen bestimmten Menschen gegenüber hast, die sollst du nicht haben. Ganz einfach: «Ich soll lieben. Ist die Liebe ein Gebot und Gesetz, so muß ich dazu erzogen, herangebildet und wenn Ich dagegen mich vergehe, gestraft werden. Man wird daher einen möglichst starken <moralischen Einfluß> auf Mich ausüben, um Mich zum Lieben zu bringen» (1981, 325f).

Wenn ich lieben soll, ist die Liebe tot. Auch aus einem freien Verein wird rasch ein lebendiger Leichnam. Der freie Verein ist für Stirner gleichbedeutend mit dem Verkehr zwischen Menschen, die zueinander ein freies Verhältnis eingehen können, weil sie das Fremde, das Anerzogene, das Aufgezwungene hinter sich gelassen haben. Im Kern der Freiheitsidee Stirners steckt ein sehr modernes Wissen: Die Individuation ist die Voraussetzung für die Fähigkeit zum Eingehen neuer, freier Bindungen, die nicht dem alten Zwang, dem Wiederholungszwang, dem Übertragungszwang gehorchen. Stirner schreibt, als hätte er ein modernes psychoanalytisches Lehrbuch über Symbiose, Trennung und Individuation gelesen. Daher weiß er auch, daß das Leben mit einer Zwangsgemeinschaft beginnt: «Nicht die Isoliertheit oder das Alleinsein ist der ursprüngliche Zustand des Menschen, sondern die Gesellschaft. Mit der innigsten Verbindung beginnt Unsere Existenz, da Wir schon, ehe Wir atmen, mit der Mutter zusammenleben; haben Wir dann das Licht der Welt erblickt, so liegen Wir gleich wieder an der Brust eines Menschen, seine Liebe wiegt Uns am Gängelbande und kettet Uns mit tausend Banden an seine Person» (1981, 342). Das Urmodell der «Gefängnis-Gesellschaft», das Vorbild der Familien- und Gesellschaftszwänge: Mutter und Kind (nebenbei gesagt: ein ständiges Begleitmotiv des christlichen Gottes der Liebe). Wer zum freien Verein voranschreiten will, muß die alten Fesseln hinter sich gelassen haben.

Wieviel vom Hauen und Stechen zwischen den «Liebenden» geht aufs Konto des Versuchs, die alten Bande abzustreifen (wobei ein Stellvertreter die Kosten einer alten Liebe zu begleichen hat)? Und welcher Teil des Liebes-Duells hat nur den Zweck, den Anderen so zurechtzustechen, zurechtzuhauen und zurechtzukürzen, damit er ins althergebrachte Modell der Mutter-Kind-Beziehung paßt, die nun einmal das Urbild jeder Liebe ist? Wer alte Bindungen nicht lösen kann, kann neue Bindungen nicht knüpfen. Und wer weiß, wie die Liebe sein soll, der kennt das Modell bereits, bevor er jenen kennt, auf den es anzuwenden wäre. Auf diese Weise wird der freie Verein rasch zum «Leichnam des Vereins». «Ein sprechendes Exempel dieser Art liefert die Partei» (1981, 342). Die Verliebten: antiautoritäre, «wilde Gesellen» – die Eheleute: autoritäre «Philister». Eins, zwei, drei – schon ist der Revoluzzer König der Partei. Hat sich eine Beziehung erst einmal «kristallisiert», ist aus dem Fließenden Versteinertes geworden, so hat der freie Verein «aufgehört, eine Vereinigung zu sein; denn Vereinigung ist ein unaufhörliches Sich-Vereinigen» (1981, 342), ein Sich-Bewegen, an dessen Stelle mit dem Tod der Liebe doch immerhin Ruhe, Ordnung und Sicherheit treten. Das Eigene und das Fremde, das Wesen und das Unwesen – Ich und Du: was soll daraus nur werden?

Hinter der Gloriole aus Wollust, Begierde, Leidenschaft, Sehnsucht, Hingabebereitschaft, Machtansprüchen, hinter aller Liebe – lauert das Gesetz. Kampf um Eigenes, Kampf gegen Fremdes. Der Schleier der Maja, die «Liebe», verbirgt gnädig, wie das Eigene ins Fremde übergeht und das Fremde sich in Eigenes zurückverwandelt. Am Ende bleiben der Eine oder die Andere ausgesogen, leergepumpt, aufgebrochen, ausgeraubt zurück. In jedem Falle, auch im glücklichsten, ist das Eigene nichts weiter als ein Entäußertes, ein im Fremden Aufgegangenes, ein Wiederangeeignetes.

So fiktiv der Gegensatz zwischen Gut und Böse also ist, den Stirner mit Recht kritisiert – so fiktiv ist der Gegensatz zwischen dem Eigenen und dem Fremden, den Stirner kreiert. Eigenes, das als Fremdes nicht angehört, nicht angesehen, nicht angesprochen werden konnte, bleibt taub, blind, stumm.

4

Der Staat verordnet die Gesetze der Liebe und des Hasses – jedenfalls soweit es um öffentliche Gefühlsbeziehungen geht. Dahinter wuchert die Anarchie der privaten Gefühlsrituale. Das geheime Liebesduell kann der Staat allerdings nicht verbieten. Das öffentliche Duell widerspricht seinem Gewaltmonopol. Deshalb erläßt der Staat ein «Duellgesetz. Zwei Menschen, die beide darüber einig sind, daß sie ihr Leben für eine Sache (gleichviel welche) einsetzen wollen, sollen dies nicht dürfen, weil’s der Staat nicht haben will» (1981, 163).

So wird der offene Zweikampf verboten: «Der Staat läßt nicht zu, daß Mann gegen Mann aneinander gerate; er widersetzt sich dem Zweikampf. Selbst jede Prügelei, zu der doch keiner der Kämpfenden die Polizei ruft, wird gestraft, es sei denn, daß nicht Ich auf ein Du losprügle, sondern etwa ein Familienhaupt auf das Kind; die Familie ist berechtigt, und in Ihrem Namen der Vater, Ich als Einziger bin es nicht» (1981, 204f). Der Einzige hat kein Kind, das er verprügeln darf, es sei denn, er würde zum Vater (gilt inzwischen auch schon nicht mehr). Oder zum Lehrer (es ist auch noch nicht allzu lange her, seit dieses Schlupfloch verstopft wurde). Das Duell aber bleibt verboten – wie auch gewisse Formen der Kindesmißhandlung, die der medizinisch-juristischen Feststellbarkeitsprüfung unterliegen. Physischer Inzest – ein abscheuliches Vergehen! Für den emotionalen Inzest, für die Leib-&-Seelenaneignung, die sich keiner sichtbaren Ketten bedient, gibt es weder Gesetz noch Richter, weil es keine Beweise in Gestalt greifbarer, aufzeigbarer Wunden gibt. Ein Meister des unsichtbaren Kampfsports, eine Meisterin im Schlagen unsichtbarer Wunden, an denen die Seele stirbt, als hätte man ihr sämtliche Herzen bei lebendigem Leibe herausgerissen – bleiben vom Staatsanwalt verschont. Diese unsichtbare Gewalt wuchert hinter glänzenden Fassaden jenseits der öffentlichen Moral und bürgerlichen Sittlichkeit.

Wie jedes kulturelle Ritual so hatte auch das Duell (jetzt verstanden als Überbleibsel der feudalen Epoche) den Sinn, eine wortlos-unsichtbare Affekt-Realität auf eine kommunizierbare Ebene zu heben. Durch das Duell können Ehrverletzungen gerächt, unsichtbare Wunden geheilt werden, die ungesühnt zur seelischen Verblutung führen würden. Denn in der anarchischen Unterwelt des Gefühlslebens, das die Menschen miteinander verknüpft, organisieren sich Konflikte zu Kränkungen und Kränkungen zu Krankheiten (der Seele), die zum Tode (wenigstens zum seelischen Tod) führen, wenn ein Heilmittel – zum Beispiel die Vergeltung, die Rache – ausbleibt. Der Schmerz der Ehrverletzung, der als Wut und Wunsch nach Rache spürbar wird, ist deshalb heftiger und oft weit länger spürbar als der Schmerz, den eine handgreiflich geschlagene Wunde hinterläßt.

Das Duell stellt einen heimlichen seelischen Kampf als öffentliches Schauspiel dar – vorausgesetzt, die Gegner erkennen sich als ebenbürtig und satisfaktionsfähig an. Die Beleidigung durch einen prinzipiell Gleichen ist also die Voraussetzung des Duells, das ein Ritual zur Verfügung stellt, mit dessen Hilfe unsichtbare Schmerzen durch das Schlagen sichtbarer Wunden dargestellt und vergolten werden können. Von einem Tieferstehenden, Unwürdigen kann man hingegen zwar bestohlen, betrogen, geschlagen, aber nicht in seiner Ehre verletzt werden.

Das Duell ist ein Kunstwerk, das (wie jedes Kunstwerk) einen ursprünglichen Sinn hat: Affekte erhalten durch das Duelle eine sichtbare, hörbare, greifbare, eben eine kommunizierbare Gestalt. Das Duell widersetzt sich damit dem blinden Drang, einfach loszuprügeln. Es übersetzt diesen Drang, loszustechen und loszuschießen, in kunstvolle Bewegungen, die der Fechter ausführt, in die ruhige Hand des Pistolenschützen. Wo es, das Verlangen nach Rache, war, bin ich, der Duellant, geworden, der dieses Verlangen stillt. Der Duellant ist also ein Künstler, der blinde Wut und ungestillten Rachedurst schon vor dem Beginn des Duells ein Stück weit beherrscht haben muß, will er im taktischen Zweikampf überhaupt eine Chance haben.

Ganz anders das Duell hinter den eigenen vier Wänden, das Duell im übertragenen Sinn: der endlose Grabenkrieg der Geschlechter. Sie sind durch ihre Geilheit und/oder Unfähigkeit, die Einsamkeit zu ertragen, aneinandergeraten, kennen aber die Kunst der Liebe nicht, die sie dazu befähigen könnte, es auf Dauer miteinander auszuhalten. Das bedingt den Kleinkrieg, der Ausdruck einer Barbarei ist, die mit dem romantischen Liebesideal, das heißt: mit der Freigabe der Liebe an jedermann und jede Frau – also an jedes x-beliebige Individuum – begonnen hat.

Sehen wir uns den Überlebenskampf der Geschlechter etwas genauer an, betrachten wir ihn ohne Scheu(klappen): Vereinigung ohne Verletzung von Grenzen ist unmöglich. Die Geschlechter müssen sich also gegenseitig Wunden zufügen, wenn sie sich vereinigen wollen. Die glückliche Vereinigung ist, so gesehen, Balsam auf die Wunden, die nötig waren, um eine Vereinigung zu ermöglichen. Ein Stück Sadismus, ein Stück Masochismus gehören dazu – und das Glück der Verschmelzung, das sich der überwundenen Angst vor dem Anderen, dem Fremden verdankt, ist das Ziel des Sadomasochismus. So verschränken sich die Körper, so werden Körpergrenzen durchlässig. So wird die Vereinigung des Eigenen mit dem Fremden möglich. Dieses Lebenselixier, dieser Trank, löscht den Durst (vorübergehend), den die Menschen Einsamkeit nennen.

Zur Perversion verselbständigt sich der Sadomasochismus, sobald die Angst vor dem Ziel, die Angst vor dem Verlust der Ich-Grenzen, übermächtig wird. Dann ist der weite(re) Weg zur Liebe, zur glücklich gelungenen Grenz- und Selbst-Auflösung, versperrt. Dann will der Sadismus die Körpergrenze des Anderen auflösen – doch der Masochismus will die Auflösung der eigenen Körpergrenze (genießen). Schließlich verselbständigt sich der Sadomasochismus: Das Paar «kristallisiert» (um wieder einmal mit Stirner zu reden). Die Partner fixieren ihre Positionen, spielen vorgezeichnete Rollen durch. Der «Verein» verabschiedet Statuten, mit deren Hilfe die Angst vor dem Sexus beschwichtigt werden soll. Damit beginnt ein leeres Ritual – während das ursprüngliche Ziel, die wiederkehrende Auflösung der Ich-Grenzen, aus den Augen, aus dem Sinn ist. Das Paar ist lebendiger Leichnam geworden.[5]

5

Wer seine Rechte nicht erkämpft, wer das Fremde in sich selbst nicht überwindet, ist kein «Einziger». Er hat sich nicht individuiert, er hat sich nicht gelöst, er steckt fest im (symbiotischen) Sumpf (ob zu zweit oder als erweiterte Masse). Allenfalls ist er ein «Emanzipierter» – um noch einmal mit Stirner zu reden, der dabei auf den Wortsinn des lateinischen emancipatus anspielt. Gemeint ist ein durch Handauflegen des Herren freigelassener Sklave. Emanzipation als Schimpfwort – das liest sich bei Stirner so: «Der Freigegebene ist eben nichts als ein Freigelassener, ein libertinus, ein Hund, der ein Stück Kette mitschleppt: er ist ein Unfreier im Gewande der Freiheit, wie der Esel in der Löwenhaut» (1981, 185).

Ein Hund, der zeitlebens mit der zerbrochenen Kette seines Herren (oder seiner Herrin?) herumlief; ein Hund, der sich Stück für Stück zerbiß, um endlich Freiheit zu gewinnen – das war Otto Gross,6 ein Anhänger Stirners.

Otto Gross, das war ein Mann, der die Lehren Stirners als individuelles Befreiungsprogramm mißverstand und – scheiterte.

Wer Ich aus allen «fremden» Hüllen schälen will, der hält am Ende keinen Kern, sondern Nichts in seinen Händen. Denn: Wer Nicht-Ich nicht sein will, wird Ich nicht sein können.

ICH (bin): also bin ich der Niederschlag inniger Bindungen, Glied in einer Kette aus Nicht-Ich. Zerstöre ich diese Kette, zerstöre ich MICH.

Dennoch gibt es Ketten, die zu sprengen wären. Es gibt symbiotische Verstrickungen, aus denen ICH zu lösen wäre.

Dieser Versuch der SELBST-Befreiung mißlang Otto Gross, der die Frauen haßte, weil er ohne sie nicht leben konnte. Das bewies ihm, daß er nicht frei war. Also bekämpfte er seinen Wunsch, mit einer Frau ganz allein zu sein. Er drehte sich und wand sich, doch das Verhaßte, das alte Verlangen, wurde er nicht los. Sein Werk (eine Mischung aus zeitgenössischer Psychiatrie, Freud, Stirner, Nietzsche, Marx, Schwabinger und Asconeser Anarcho-Boheme) ist manche grundsätzliche Denkfiguren zu entnehmen. Etwa diese: Das Fremde kommt auf dem Wege der Suggestion in den Leib und wuchert dort als Fremd-Körper fort. Oder diese: Die Wurzel aller Übel heißt «Elterngewalt». Dieses üble Gewächs wuchert aus dem patriarchalisch-kapitalistischen Gesellschaftsboden. Das «Mutterrecht» wird dereinst die GROSSE Freiheit bringen ...

... doch wie wäre die individuelle Freiheit vorher zu gewinnen? Sollte man das Übel abhacken? ausreißen? wegstechen? abbrennen? Sollte man das Fremde mit Rausch oder Gift überwinden? Jeder Versuch scheiterte. Otto Gross scheiterte als Analytiker, Anarchist, Ehemann, Sohn und Vater. Selbst als Theoretiker hinterließ er kaum Spuren. Dabei hatte Freud ihn doch zunächst noch als einen seiner begabtesten Schüler gepriesen, eine Ehre, die sonst nur noch C. G. Jung zuteil geworden war. Der wiederum hatte versucht, Gross von einer (Rauschgift-)Sucht zu befreien, ein Unternehmen, das ihm gründlich mißlang. Immerhin kam C. G. Jung dabei zu der Einsicht, in Gross einem geistigen «Zwillingsbruder» begegnet zu sein – allerdings «minus dementia praecox». Die Schizophrenie also reklamierte der Therapeut nicht für sich; er reservierte sie für seinen Zwillingsbruder. Im Nachlaß des Schriftstellers Franz Jung7 (eines Freundes von Otto Gross) finden sich handschriftliche Notizen von Gross, die einen Weg zu den Konflikten weisen, die er vergeblich (zunächst mit Hilfe von C. G. Jung, später mit Hilfe anderer Therapeuten) zu lösen versuchte. So gibt Gross die Auskunft:

«Ich selbst glaube, daß alles, alles, was ich tue und nicht tue, masquierte Schwäche ist – Feigheit ist – <saure Trauben> und die Schweinerei, die dazugehört.»

«Die Unbekümmertheit der Selbstsicheren – wer die nicht hat, der muß dann immer sich kontrollieren – und alle andern ...»

«Jetzt sitzt das Weib neben mir – verflucht – wie paßt es doch so unbegreiflich schlecht zu mir das nur nicht Kampf und Sieg von selbst verstehn» (Otto Gross – zit. n. Dvorak 1978, 62ff).

6

Nur nicht: Kampf und Sieg(en-müssen) in der Beziehung zu einer Frau. Von selbst zu verstehen, daß ein solches Duell unnötig sei ... Wünsche des Otto Gross, die nicht in Erfüllung gehen. Er liebte sie alle: Frieda Schloffer, die er heiratete, nachdem sie ihm geholfen hatte, erstmals den Leib einer Frau zu betreten. Die Richthofen-Schwestern. Die Ex-Patientinnen. Die drei Schwestern seines Freundes Anton Kuh. Und: so weiter.

Ein Mann auf der Flucht vor sich selbst und vor seinem Wunsch, die Frauen – oder besser: seinen im Leib der Frauen verborgenen Wunsch – zu töten.

Er kennt bedeutende Literaten seiner Zeit (Kafka, Werfel gehören dazu); und sie kennen und beschreiben ihn in ihren Werken: mal offen, mal verdeckt porträtieren sie ihn. Sein Leben besteht aus Skandalen, ist ein Skandal. Die Anarcho-Szene seiner Zeit ist seine Zeit. Und er gehört zu ihren prominenten Vertretern. Franz jung schildert die Rausch-Exzesse des Otto Gross und seiner Geliebten Sophie Benz, die sich endlich mit Hilfe jenes Mannes umbringt, von dem sie Hilfe erwartet hatte (Gross hält immer Kokain bereit; besser die Frauen bringen sich um, als ihn – im Leben und auf andere Weise – zu verlassen).

«Sophie – Der Kreuzweg der Demut» (Franz Jung 1915). Szenen nach dem Leben des Otto Gross:

«Sophie stand vornübergebeugt. Mit saugenden Blicken. Sie wuchs. Sie erfüllte das Gemach, Sie wölbte sich zu einem Gebet. Sie wurde ein Kelch. Die Ränder züngelten. Höher. Leuchtender.»

«... man merkte, er war ängstlich ... »

«<Laß das!> Ihr Gesicht wurde rot angeschwollen.»

«<Aber bestand denn nichts, was die Frauen an den Mann kettet – > rief er mit zitternder Stimme. Mit niedergekämpften Tränen.»

«<Kettet-kettet?> Sie höhnte. Sie schien aufheulen zu wollen, aber verzog das Gesicht zu einem breiten Grinsen. <Was sollen die Frauen da mit dem Krüppel. Und dann noch angekettet – > ...»

«Sophie blieb stehen. Sie wuchs schwarz empor. Sie sprach mit eisiger Stimme ... und spuckte aus.»

Zweimal wächst die Frau (über den Mann) hinaus. Im ersten Fall wird sie zu einem saugenden Kelch mit flammenden, verzehrenden Rändern. Ein feuerspeiender Vulkan, ein Glutofen für den Körper des Mannes. Ihr Verlangen ... Und im zweiten Fall: Haß, Verachtung, Gnadenlosigkeit. Wieder wächst sie. Sie erfriert. Wird zu einem Stück Eis. Schwarzes Eis.

7

Die Krankenakten, die C. G. Jung über Gross anlegte, hat Hurwitz (1979) ausschnittweise veröffentlicht und kommentiert. Von einer zweiten, späteren Behandlung des Otto Gross – diesmal wurde die Krankengeschichte durch den von Freud verstoßenen «aktiven» Psychoanalytiker Wilhelm Stekel verfaßt – liegen ebenfalls Zeugnisse vor.8

Diese zweite Analyse des Otto Gross alias «M.K.» offenbart die Abgründe der Seele eines Mannes, der die Frauen liebte, zu sehr liebte. Ein Mann, der um sein Leben kämpfte, wenn ihn seine Begierden in den Leib einer Frau jagten.

«Die Tragödie eines Analytikers» – so lautet Stekels Kapitelüberschrift zum «Fall Nr. 37» im Band (8) «Sadismus und Masochismus» des Monumentalwerkes «Störungen des Affekt- und Trieblebens». Darin beschreibt Stekel (1925, 484ff) die Tragödie seines Kollegen Otto Gross. Der «Philister» Stekel und der «wilde Geselle» Gross kreuzten also die Klingen – und im Dokument dieser Begegnung schildert Stekel den vergeblichen Kampf für das Eigene und gegen das Fremde, illustriert er in einzigartiger Weise das theoretische Werk des Otto Gross anhand von dessen Erkrankung. Stekel beschreibt darin den «Vorkämpfer des Mutterrechts». Der konnte sich «für eine beleidigte Frau ... sofort duellieren, obgleich er ein Gegner des Duells» war. Was zählen schon Widersprüche für Otto Gross, dessen Leben ein einziger Widerspruch war, wenn es auf Konsequenz ankommt? Widersprüche: Gross tritt öffentlich für das Recht der Frauen ein und tritt es privat mit Füßen (an anderer Stelle berichtet Stekel über einen Patienten, der als angesehener Mann öffentlich vielbeachtete Reden gegen die Prostitution hielt, um nächtens ins Bordell zu schleichen). Als Anarchist verabscheut Gross das feudale Duell; als Frauenverehrer aber ist er jederzeit bereit, Damenehre mit Pistolen zu verteidigen. Als Theoretiker weiß er, daß die Liebe zum eigenen Geschlecht eine der Voraussetzungen für die Einfühlung ins fremde Geschlecht ist; doch manifest Homosexuelle will er, wenn sie zudem Päderasten sind, mittels Todesstrafe aus der Welt schaffen.

Für Stekel ist die «Beziehung» zwischen dem Gross’schen «Frauenkultus» und der verdrängten, aber ausgeprägten Gross’schen «Homosexualität» ein fragwürdiges Phänomen, das er gerne klären möchte.

Und wie befriedigt Gross seine Homosexualität? Er zwingt Frauen, über die er Macht gewonnen hat, mit fremden, sorgfältig ausgesuchten Männern zu schlafen: «Der Geliebte seiner Frau war dann gewissermaßen sein Geliebter.» So kommt es zwischen den Männern zum Fern-Duell im Körper der Frau. Dazu heißt es in Stekels Fallstudie über Gross: «Fiebernd vor Erregung lag M.K. in seinem Bette allein und ... onanierte. Dann wartete er auf seine Frau und wollte wissen, ob sie ihn nach dem andern noch immer begehrte ... Wird sie nach dem andern noch zu ihm zurückkehren und in seinen Armen Vergnügen finden? Sie kam und war wieder die seine, wobei er eine enorme Steigerung des Orgasmus empfand.» Dann aber traten «Verhältnisse ein, die deutlich zeigten, daß M.K. nur die Frau als Umweg benutzte, um seine Freunde zu besitzen». Diese Verhältnisse offenbarten den masochistischen Genuß der sadistisch erzwungenen Untreue der Frau. Das Arrangement diente der Beschwichtigung der Angst: Otto Gross schob zwischen den fremden Leib der Frau und seinen eigenen Leib den Leib des zweiten Mannes, eines Dritten, mit dessen Hilfe er die Zweierbeziehung struktrieren und regulieren konnte.

Bei einem solchen Arrangement geht es – anders als auf den ersten Blick erkennbar ist – doch nicht um eine ödipale Problematik. Das Arrangement dient vielmehr – wie auf den zweiten Blick erkennbar wird – der Bewältigung präödipaler Ängste. Um diese Ängste vor dem Verschlungenwerden, vor der furchterregenden Nähe zu einer Frau zu bewältigen, wird ein zweiter Mann gesucht. Stekel erkennt den Sinn dieses Arrangements, wenn er schreibt: Als die Ehefrau «das erstemal von ihm schwanger war, bemerkte er bei ihr eine weibliche Hingabe ... Sie dachte: <Jetzt sind die Versuchungen zu Ende. Jetzt werden wir uns finden und er wird mir allein, ich werde ihm allein gehören.> Sie gab sich ihm ganz als Weib hin ... Das konnte er nicht ertragen ... Er wollte sie nur als Herrin sehen, sich ihr unterwerfen ... Eine sich unterwerfende Frau erfüllte ihn mit Angst ...»

Die Bewältigung präödipaler Ängste und die verdeckte Befriedigung der eigenen Homosexualität durch Kumpanei mit einem herbeizitierten zweiten Beischläfer; die Befriedigung masochistischer Bedürfnisse; die Angst vor eigenen mörderischen Impulsen angesichts einer wehrlosen, hingabebereiten Frau; die Zurückweisungen, Kränkungen, Verletzungen, die provoziert werden müssen, weil eine intensive Form der Nähe zur Frau nicht ertragen werden kann – all diese Schmerzen, die man sich zufügen muß und dem Anderen zufügt, ermöglichen Distanz: Der Andere (oder das eigene Begehren?) hat eine Grenze überschritten. Diese Grenze wurde aus «Liebe» eingerissen, weil man nicht ahnen konnte, welche Gefahren man dadurch heraufbeschwören würde. Nun ist die Angst vor Nähe so stark, daß man unbewußt ein «Verhältnis» initiiert, unter dem man/frau dann bewußt wieder leidet, das jedoch den Zweck erfüllt, noch unerträglicherem Leiden – an der Nähe – zu entkommen. Dieses Spiel ist zu Ende, als Frieda, die Ehefrau von Otto Gross, Ernst macht: Sie verliebt sich in einen der ihr anempfohlenen Zweit-Liebhaber und verläßt ihren Mann. Damit gerät die Inszenierung außer Kontrolle. Der Untergang des Otto Gross nimmt seinen Lauf.

Otto Gross muß sich vor seinen mörderischen Phantasien, in denen Frauen Opfer sind, nun noch mehr in acht nehmen. Denn die eine oder die andere seiner Geliebten kommen auf merkwürdige Weise um: sie sterben an dem Rausch-«Gift», das Gross ihnen zur Verfügung stellt. Der latente Sadismus des Otto Gross ist eine Gefahr – aber: «Er ist ein ausgesprochener Tierfreund, der keinen Käfer töten kann.»

Als 19jähriger verliebt sich Gross in eine Prostituierte (später schickt er seine Geliebten gelegentlich auf den Strich). Die Prostituierte will nichts von ihm wissen. Er beginnt zu saufen: «In seinem ersten Alkoholrausche stellte er folgendes an. Er wohnte damals bei einer älteren, braven Frau ... Er schlug alles im Zimmer klein, errichtete einen Trümmerhaufen als Thron ... und verlangte stürmisch nach der Alten ...: <Die alte Sau soll zu mir kommen! Die alte Sau soll zu mir kommen!>... Er, der Anarchist, sah sich in den Tagträumen als Feldherr einer unbesiegbaren Armee.»

Stekel meint, Gross habe am Cäsarenwahn gelitten, an ungezähmten Machtphantasien, «allerdings mit der Rationalisierung aller Cäsaren», die behaupten, die Macht nur «für ideale Bestrebungen zu verwenden». Otto Gross wollte seine phantasierte Macht für die «Einführung des Mutterrechts» und damit für eine neue herrschaftsfreien Ära nutzen. Seine Träume und die Assoziationen zu den Träumen offenbarten jedoch «einen unauslöschlichen Haß gegen alles Weibliche, eine Verachtung des Weiblichen». Wenn sich eine Frau seinen (infantilen) Wünschen widersetzte, «fühlte er den Impuls, sich auf sie zu stürzen, sie zu erschlagen, sie niederzuwerfen, sie zu erwürgen. Er stürzte sich auch einmal auf seine Mutter, die aus dem Zimmer flüchten mußte und fürchtete, es wäre ihr letztes Stündlein gekommen.» Vor seiner übermäßigen Liebe, vor seinem Wunsch, völlig in der übermächtigen Frau aufzugehen und sich aufzulösen, vor der Angst, durch diesen Wunsch die eigene Identität zu verlieren – schützte sich Gross durch Rituale des Kampfes: «Er zitterte immer um seine Selbständigkeit. Und es gab ein Mittel, das ihn wehrlos machte und das war ... die Liebe ... Er suchte nach Gelegenheiten, sich in die Fechterstellung des Bedrängten zu flüchten.»

Die Position des Duellanten, die Fechterstellung, als Fluchtpunkt, als Schutz vor dem eigenen Wunsch und vor dem anderen Geschlecht! Wieviel Frauenhaß, wieviel Männerhaß wären so zu verstehen?

Als Otto Gross’ Frau gehofft hatte, es könnte nun ein Paar aus ihr und ihm werden, da erschreckten ihn «ihre Blicke», die voller «Hingabe und Zuneigung» waren. Er konnte diese Nähe zu seiner Frau nicht ertragen, «weil er fürchtete, wehrlos zu werden»: «Dieser Gefahr mußte er vorbeugen. Er stieß seine Frau von sich ... Bei der ersten Gelegenheit ergriff er die Flucht, um seine Persönlichkeit zu wahren und nicht der Macht der Liebe zu erliegen. Sein ganzes Leben bedeutete eine Flucht vor der Liebe, ein Ausweichen vor jedem echten Gefühl und jeder echten sexuellen Regung ... Er hatte Angst vor der Liebe, welche jede intimere Annäherung unmöglich machte. Der Umstand, daß er seinen geliebten Frauen andere Männer zuführte, ging neben der homosexuellen Triebkraft auf das Unvermögen zurück, einen Menschen ganz allein an sich zu binden, und auf die Angst, der Liebe dieses Menschen ganz ausgeliefert zu sein. Splendid isolation! – ist das Schlagwort solcher Naturen.»9

Mann – Frau – Mann. Nicht immer bedeutet dieses Dreieck, daß es um ödipale Konflikte geht. Im Falle des Otto Gross handelt es sich um eine pseudoödipale Fassade, hinter der sich präödipale Ungeheuer verbergen. Das Arrangement dient dem Kampf gegen diese Ungeheuer: «Er begann alle weiblichen Wesen zu hassen, weil sie ihn als Kind und nicht als Mann betrachteten. Es gab ein Mittel, wie er ihnen den Herrn zeigen konnte. Wenn er sie tötete. Ein Messer, ein Revolver, ein Giftfläschchen ... Die Waffe als Vergrößerung des Kleinen! ... Der Akt des Mordens ... ist auch eine geschlechtliche Vereinigung ... Der Mord ist ... der Sexualakt des Impotenten.»

Stekel analysiert hier den soldatischen Mann (Otto Gross). Er erkennt sehr genau, daß es sich dabei um einen halb im Mutterleib Steckengebliebenen handelt, der seine ungeschützte, zerbrechliche Körperhülle durch Panzerung zu schützen versucht. Das ist die «Fechterstellung». Die Waffe, der Mord: das sind Flucht- und Haltepunkte. Stekel beschreibt die Zusammenhänge anschaulich, psychologisch stimmig. Der Ödipuskomplex, das Freudsche Dogma, wird dabei mit keinem Wort erwähnt, obgleich das Arrangement daran (an den negativen Ödipuskomplex) erinnern könnte. Der unbewußt intendierte Muttermord, der die Freiheit des festsitzenden und festgehaltenen Sohnes erbringen könnte, mag also psychologische Wurzeln haben, die mit dem klassischen Freudschen Paradigma nicht erfaßt werden können.

Stekel ist bereit, die Behandlung des Otto Gross unter zwei Voraussetzungen durchzuführen: «1. Sie müssen versprechen, während der Behandlung keine narkotischen Mittel zu nehmen ... 2. Sie werden sich in das erste weibliche Wesen verlieben, das Ihnen in den Weg kommt. Das wäre gleichfalls das Ende der Analyse. Versprechen Sie mir, keine neuen Beziehungen anzuknüpfen, solange die Analyse dauert.» Der «Philister» (Stekel) nähert sich dem «wilden Gesellen» (Gross) mit Vorsicht. Und so dauert es nicht allzu lange, bis Stekel den «Philister» erkennt, der sich «hinter dem Edelanarchisten» (Gross) verbirgt. Für Stekel bestätigt sich damit die Theorie Max Stirners, der zufolge in jedem Revoluzzer ein Bourgeois (und umgekehrt) feststeckt. Was also muß Stekel (unbewußt) tun, damit er seine antibürgerlichen Affekte (indirekt) ausleben, im Agieren des Otto Gross mitgenießen kann? Er muß Behandlungsbedingungen verkünden, die nicht gehalten werden können. Und was geschieht?

«Schon in der ersten Woche wurde er (Gross) rückfällig ... Er erbrach den Medikamentenschrank des Sanatoriums ... In dem Sanatorium befand sich ein einziges weibliches Wesen, das als Liebesobjekt in Frage kam ... Es handelte sich um ein intelligentes Mädchen ... Ich warnte sie vor den Folgen eines etwaigen Verhältnisses (d. h. Stekel legte rechtzeitig die Spuren, denen das <intelligente Mädchen> dann nur noch zu folgen brauchte – B. N.) ... Auch sie versprach mir feierlich, meine Bemühungen nicht zu durchkreuzen (soweit es um die unbewußt motivierten Bemühungen Stekels ging, hielt sich das <intelligente Mädchen> an dieses Versprechen – B. N.). Überdies sei der Mann häßlich, habe lauter kariöse Zähne, einen schrecklichen Geruch und käme als Mann für sie nicht in Betracht ... Schon nach 2 Wochen hatte sie ihm den ersten Kuß gegeben ... Ich greife vor und konstatiere die Tatsache, daß er seine Braut natürlich zum Opiumismus und später zum Kokainismus erzog ... Von weiteren Verwirrungen und Überschreitungen will ich aus Gründen der Diskretion schweigen.»

Soweit Stekel. Soweit Gross. Soweit Wiederholungszwang, Übertragung und Gegenübertragung, Re-Inszenierung und Agieren von beiden Seiten.

Nach zwei Wochen hatte Gross die Behandlungsbedingungen außer Kraft gesetzt. Und Stekel fragte sich: «Sollte ich mich durch seine Kunstgriffe schon in den ersten Wochen für besiegt erklären?» Er antwortete: «Ich setzte die Behandlung fort ...» Aber: «Unser Verhältnis war nun eigentümlich. Er hatte schon früh versucht, mir seine Braut, die er inzwischen defloriert hatte, aufzudrängen und stellte dies sehr schlau an. Er schickte mir täglich einen Brief an die Braut, den sie bei mir abholen mußte.» So «schlau» Gross auch ist – Stekel ist noch schlauer. Er durchschaut seinen Patienten und teilt ihm «die analytische Wahrheit mit: Sie wollen die alte Konstellation herstellen. Ich soll der Geliebte Ihrer Braut werden. Ich ersuche Sie, die Briefe direkt an Ihre Braut zu senden.» Eine gelungene Deutung, gewiß! Das aufrechte Wort eines aufrechten Mannes! Doch die Ursachen, die dazu führen, daß Gross handelt, wie er handeln muß, werden dadurch nicht beseitigt. Vielmehr fügt die neue Deutung altem Leiden neues Leid hinzu. Denn ohne Nachreifungsangebote bleiben Deutungen, was sie im Alltagsdiskurs oft sind: Beleidigungen, Kränkungen, Waffen, die im alltäglichen Duell benutzt werden.

Stekel teilt Gross die nun einmal erkannte «analytische Wahrheit» ungeschminkt mit. Der Effekt seiner Mitteilung verblüfft ihn: «Der Mann, der seine Frau jedem Freunde direkt angeboten, ja sogar aufgedrängt hatte, war beleidigt, weil ich ihn erkannt und durchschaut hatte.» Erneut verwundet, «tödlich beleidigt», verläßt Gross den Kampfplatz. Er bricht die Behandlung ab. Einige Jahre später stirbt Gross. Man findet ihn zerlumpt, verarmt, noch immer rauschgiftsüchtig, auf einer der Straßen im Berlin der Nachkriegszeit. Wie heißt es im Krankenbericht Stekels über Gross? – «Sein ganzes Leben ist ein Kämpfen um die Dreieinigkeit, die er nie erreichen konnte.» Im Todesjahr erscheint das drei Arbeiten zusammenfassende Hauptwerk von Otto Gross unter dem Titel: «Drei Aufsätze über den inneren Konflikt» (1920).

8

Mutter – Vater – Kind: zwei Beziehungen zu verschiedenen Geschlechtern, die scheinbar klare Identitäten verkörpern, und ein Kind, das in unterschiedlichen (vielleicht zu widersprüchlichen?) Beziehungen lebt und nach einem einheitlichen, wenngleich zusammengesetzten Selbst-Bild sucht. Identität als Fundament späterer Beziehungen, die der Erwachsene zu einem – anderen, erwachsenen – Liebespartner eingehen will: das ist ein Phänomen, das durch psychoanalytische Lehrbücher geistert, dessen lebenspraktische Verwirklichung jedoch immer seltener gelingt. Widerspruchsfrei oder gar unbeschädigt ist keine Identität.

Die «Dreieinigkeit» – dem christlichen Abendlande sozusagen als Leitbild vorgegeben, wenn dabei auch die Verleugnung von Beginn an eingeplant war: Vater – Kind (Sohn) – und Heiliger Geist (ein schlechter Ersatz für die Mutter). Die «Dreieinigkeit» ist die Identität. Aus welchen Gründen immer: Die durch einen Dritten unmodifizierte Zweier­beziehung erzwingt lediglich die Wiederholung, den Versuch der Wie­derherstellung eines Zweierbündnisses (oder die Angst gerade vor diesem Bündnis, die Flucht vor der Symbiose); sie befähigt offenbar nicht zur Ausdifferenzierung einer Identität, für die, beispielsweise, die Fähigkeit zum Ertragen von Einsamkeit (wenigstens über eine längere Zeit hinweg) notwendig wäre. Unter der Bedingung von Einsam­keit zerfällt die nur mühsam und brüchig erworbene «Dreieinigkeit» des mehr oder weniger symbiotisch sozialisierten Menschen. Die Nebenzimmererotik des Otto Gross: Auf phantastischem Weg stellt er «Dreieinigkeit» her. Wenn der fremde Mann mit seiner Frau schläft, kann sich Gross abwechselnd mit dem Vater/Mann und der Mutter/ Frau identifizieren, um am Ende doch als einsam onanierendes Kind zurückzubleiben.

Gross meint, als «Sexualimmoralist» freie erotische Arrangements zu entwerfen. Er glaubt, in diesem Falle propagierter sexueller Freiheit werde der Wille zur Macht durch den Willen zur Beziehung ersetzt. Gross täuscht sich (und andere). Er praktiziert die Un-Freiheiten des Libertins, die de Sade (vgl. Nitzschke 1988 b) karikierte. Der Libertin hat peinlich genau die Regeln zu beachten, nach denen das Uhrwerk des inszenierten Exzesses abläuft. Verstößt er gegen die Regeln, wird der Libertin bestraft. Und an den Rand der Verzweiflung gerät Gross in dem Augenblick, in dem ein Mit-Spieler sich seiner Kontrolle, seiner Inszenierung entzieht. In dem Augenblick, in dem sich seine Frau nicht mehr so verhält, wie es die in Taten umgesetzten Onanierphantasien des Otto Gross vorsehen; in dem Augenblick, in dem die Frau ihren eigenen und nicht den fremden, suggerierten, induzierten Gefühlen folgt (die der Lauscher an der Wand mit-genießen will, weil er sie braucht), zerbricht die künstliche Welt, zerbricht die schwache Identität des Otto Gross, die ja gerade durch das fortgesetzte Schauspiel hätte befestigt werden sollen.

Der Eigen-Sinn, dem die Frau folgt, indem sie mit dem aufgezwungenen Spiel Ernst macht, indem sie mit dem empfohlenen Liebhaber tatsächlich freien Verkehr pflegt, zerstört das kunstvolle Arrangement der Macht und offenbart die Schein-Freiheit, die der «Perverse» einzig gewähren kann. Die Frau geht fremd – aus eigenem Willen. Damit beginnt der Untergang des Otto Gross. Sie durchbricht die Anweisungen des heimlichen Regisseurs. Sie springt von der Bühne, deren Bretter aus der Gross’schen Kinderstube stammen. Ein Stück der Requisiten wird sozusagen lebendig. Der Fetisch kann plötzlich laufen. Der Fetischist bleibt einsam zurück.

Das «perverse» Arrangement realisiert in der Wirklichkeit – bei Vermeidung eines tatsächlich lebendigen, spontanen, unkontrollierten Gefühlsaustauschs –, was der Paranoiker lediglich im Kopf verübt: die totale Kontrolle. Da die Vielfalt des Lebens prinzipiell nicht kontrolliert und beherrscht werden kann, die «Natur» (beispielsweise) nie­mals stumm den Abfall schluckt, den die Beherrscher der «Natur» produzieren, mag es wenigstens im Kopf, im System der «großen» Denker eine Ordnung geben, die das Chaos (scheinbar) zähmt. In der «Natur» gibt es die von außen verordnete «Ordnung» nicht – und es wird sie niemals geben. Zur richtigen Stunde kehrt der «Abfall» in die Leiber derjenigen zurück, die glaubten, die «Natur» beherrschen zu können. Aber zwischen-zeitlich: das Gefühl der Macht, das Gefühl der unumschränkten Kontrolle, das Gefühl des Paranoikers, das der «Perverse» sozusagen in die Tat umsetzt. Der Paranoiker genießt psychisch und ideell, was sein «perverser» Kollege real praktiziert. Und beide geraten – wie mancher «große» Denker – außer Rand und Band, wenn sich ihrem «System» die «Wirklichkeit» in den Weg stellt.

9

In der «Rätezeitung» (1919; Neudruck 1979) veröffentlicht Gross einen Aufsatz «Zur funktionellen Geistesbildung des Revolutionärs». In einer Anmerkung dazu heißt es: «Der Verfasser ... beabsichtigt in der Freien Hochschulgemeinde für proletarische Kultur Kurse <Zur Psychologie der Revolution> ... zu halten.»10 Die revolutionären Ideen, die Gross propagierte (eine Mischung aus Stirner, Nietzsche, Bachofen, Freud, Marx, Kropotkin usw.), sollten die Erlösung der Menschheit beschleunigt herbeiführen. Dabei ging Gross von der Annahme aus, der «Masse» seien diese Ideen suggestiv, den «Starken dieser Welt, den Privilegierten jeder Art» wären sie hingegen «im Kampf von Leben gegen Leben aufzuzwingen» (zit. n. Dvorak 1985, 55). Gross dachte an eine Art groß angelegtes Duell: «Die Revolution als Säbelduell», lautet hierzu die kommentierende Kapitelüberschrift Dvoraks (1985, 54). Solange er überhaupt noch Kraft in sich spürte, war Gross immer bereit, in die «Fechterstellung» zu gehen.

Werfel läßt das größenwahnsinnig-paranoide Abbild des Otto Gross, verkleidet als «Privatdozent Dr. Ottokar Grund» (Gross war Privatdozent für Psychopathologie an der Universität in Graz), im Drama «Schweiger» auftreten. Dr. Grund entwirft Pläne zur Vernichtung der Menschheit (im Theater-Spiel), während er doch im realen Leben die Menschheit erlösen wollte. Zum Zwecke der Vernichtung beabsichtigt Dr. Grund, den «dreizehnten Stand der Menschheit» zu organisieren. Das organisierte Chaos soll die bestehende Ordnung au­ßer Kraft setzen: «Wir Narren, Irrenhäusler, Aussätzigen, Pervertierten, Alkoholiker, Kokainisten, Ewig-Lebensunfähigen – wir hören niemals auf, zu hassen!!» (Werfel, zit. n. Dvorak 1978, 53). Der Vater des Otto Gross war ein berühmter Kriminologe. Als solcher katalogisierte er den «dreizehnten Stand». Auch er brachte, auf seine Weise, Ordnung in das Chaos. Was der Sohn allerdings lobte, die Anarchie, die der «dreizehnte Stand» verkörpert, haßte der Vater. Für ihn war die Erstellung eines Katalogs der Abweichenden nur die Voraussetzung für deren Sistierung, Verurteilung und Verbannung – in die «Kolonien».

Was der Vater am liebsten verschickt hätte, brach in seinem Sohn vehement an die Oberfläche. Der brave, gute Bürger fürchtet sich stets am meisten vor dem, was in ihm selbst ist, was er aber nur als Fremdes anschauen und verfolgen kann. Und so entdeckt auch der «Philister» im «wilden Gesellen» am Ende nur sich selbst:

«Das Bürgertum bekennt sich zu einer Moral, welche aufs engste mit seinem Wesen zusammenhängt. Ihre erste Forderung geht darauf hin, daß man ein solides Geschäft, ein ehrliches Gewerbe betreibe, einen moralischen Wandel führe. Unsittlich ist ihr der Industrieritter (Spekulant – B. N.), die Buhlerin, der Dieb, Räuber und Mörder, der Spieler, der vermögenslose Mann ohne Anstellung, der Leichtsinnige. Die Stimmung gegen diese <Unmoralischen> bezeichnet der wackere Bürger als seine <tiefste Entrüstung>. Es fehlen diesen Allen die Ansässigkeit, das Solide des Geschäfts, ein solides, ehrsames Leben, das feste Einkommen usw., kurz, sie gehören, weil ihre Existenz nicht auf einer sicheren Basis ruht, zu den gefährlichen <Einzelnen oder Vereinzelten>, zum gefährlichen Proletariat: sie sind <einzelne Schreier>, die keine <Garantien> bieten und <nichts zu verlieren>, also nichts zu riskieren haben. Schließung eines Familienbandes, z. B. bindet den Menschen, der Gebundene gewährt eine Bürgschaft, ist faßbar; dagegen das Freudenmädchen nicht. Der Spieler setzt alles aufs Spiel, ruiniert sich und Andere ... Man könnte Alle, welche dem Bürger verdächtig, feindlich und gefährlich erscheinen, unter dem Namen <Vagabunden> zusammenfassen ... Denn es gibt auch geistige Vagabunden, denen der angestammte Wohnsitz ihrer Väter zu eng und drückend vorkommt, als daß sie ferner mit dem beschränkten Raume sich begnügen möchten ... Sie bilden die Klasse der Unste­ten, Ruhelosen, Veränderlichen, d. h. der Proletarier, und heißen, wenn sie ihr unseßhaftes Wesen laut werden lasen, <unruhige Köpfe>. Solch weiten Sinn hat das sogenannte Proletariat ...» (Stirner 1981, 123f).

Kurz und gut: Es sind die bösen Menschen (die Lumpenproletarier), die der Vater haßt und der Sohn liebt, Menschen, die Max Stirner als Kehrseite des guten Bürgers darstellt, der mit diesem Kehricht, den er produziert, nichts zu tun haben will; der den Abfall, dem er gleicht, in die Kolonien (später: in die Lager) verbannt. In den Lagern konzentrieren die Herren das Übel. Das sind die Hütten, die hinter den Fassaden der Paläste stehen. Hans Gross, der Kriminologe, der Vater, läßt Otto Gross, den Analytiker, den Sohn, entmündigen und in die Anstalt sperren.

Als der Vater stirbt, kommt der Sohn wieder frei. Jetzt hat er keinen Vater mehr, gegen den er kämpfen müßte. Jetzt ist der Sohn ein gebrochener Mensch. Denn mit dem Vater hat er den Halt verloren, den er im Kampf gegen den Vater immer wieder finden konnte. Jetzt ist der Sohn allein.

10

Abschließend ein Wort zu Freud,11 der, wie bekannt, jahrelang Kokainist war. In Gross erkannte Freud offenbar sein (verdecktes) Spiegelbild. Er lobte ihn als genialsten Schüler (neben C. G. Jung). Jung durchlebte seine Psychose erst nach der Trennung von Freud. Gross war immer ein Wanderer zwischen zwei Welten. Vermutlich begegnete Freud in Gross eben jener Wahnsinn, den er sich selbst – mit Gewalt – verbieten, und den er in Tausk (vgl. Nitzschke 1988 c) bis zu dessen Vernichtung hassen mußte. Rausch – Anarchie – Schizophrenie: Gross zerfiel psychisch. In Freuds Körper besorgten die Krebszellen das allmähliche Werk der Desintegration. Möglicherweise seien diese Zellen die Vertreter des «Todestriebes», meinte Freud. Der «Todestrieb» – eine Form des organisierten Wahnsinns?

Je älter Freud wurde, desto mehr beherrschte er seine Leidenschaften – äußerlich und scheinbar. Tatsächlich aber richtete ihn eine Leidenschaft zugrunde, die er selbst als Abkömmling der «Ursucht», als das Äquivalent der Onanie begriff: das Rauchen. Das Rauchen führte zum Krebs – und nach jeder neuen Rachenoperation mußte Freud das Rauchen wieder aufnehmen, bis endlich die gesamte Mundhöhle zu einer einzigen offenen Wunde geworden war.

Versteht man das Duell im metaphorischen Sinne, so kann es auch im eigenen Körper ausgefochten werden. Die Desintegration des Körpers und/oder des Geistes sah Gross als das Ergebnis einer Auseinandersetzung zwischen dem Eigenen und dem Fremden (Willen) in (s)einem Körper an. In keinem Falle aber beginnt das Duell mit dem Ende der Liebe. Es steht am Anfang der Liebe, wenn der große Gegensatz, dem das theoretische Werk des Otto Gross gewidmet ist, der Gegensatz zwischen dem Eigenen und dem Fremden, beginnt. Denn, wie Gross schreibt: Die Liebe ist es, das Bedürfnis nach dem Anderen, das unseren Körper öffnet, ihn damit aber auch verwundbar macht. Das Fremde kann den Körper, der nach dem Fremden verlangt, tödlich infiltrieren. Somit beginnt das Duell mit der Liebe, mit dem Verlangen nach dem anderen Körper.

Die früheste Form der Liebe äußert sich im «Fressen»-Wollen. Das Begehren, sich den fremden Leib einzuverleiben, ist ein Zeichen dieser Liebe – und darüber hinaus: ein kannibalischer Akt. Wer aber schadlos Fremdes in Eigenes verwandeln kann, der ernährt sich gut von Anderen. So entsteht das ICH aus dem NICHT-ICH – und so verschwindet das NICHT-ICH im ICH. Was aber schmeckt, das hat man zum Fressen gern. Ein gefährliches Spiel für jedes schmackhafte Objekt der Begierde. Die Liebe beginnt also mit dem guten Geschmack.

Was jedoch, wenn das Objekt der Liebe, verborgen unter einer schmackhaften Hülle, Gift im Leibe hat? Verschluckt der Liebeshungrige ein solch unverdauliches Objekt, hat er einen Fremd-Körper im Leib, der sich zu einem Geschwür entwickeln kann. Ein verborgener Parasit, der die Eingeweide zerfrißt. Gegen den man sich nicht wehren kann, weil er jetzt «innen» sitzt. Und so besteht manches weitere Leben in der einzigen vergeblichen Anstrengung, einen früh verschluckten, unverdaulichen Fremdkörper wieder herauszuwürgen, auszuspeien ... Gefressenes ist Eigenes, das sich als Fremdes bisweilen durch «innere» Beschwerden wieder bemerkbar macht. Der Widerstand, den das Objekt dem Verlangen, dem Gefressen-Werden, entgegensetzt, und die Unverdaulichkeit des Objekts erlauben es allerdings erst, ein NICHT-ICH von einem ICH zu unterscheiden, von einem Objekt, von der Rea­lität zu sprechen. Die Realität ist das Andere des Wunsches – und weil sie nicht mit dem Wunsch identisch ist, verurteilt sie diesen zum nichtendenden Verlangen. Gäbe es keine Grenze für den Wunsch, es gäbe kein Objekt, keine Realität. Alles wäre EINS, und zwar ICH. Erst der EIGEN-Wille des Objekts zeigt die Grenze (der Macht) des Verlangen­den auf – und damit beginnt der Haß. Der Haß ist die ursprüngliche Reaktion des Leibes, der schmerzhaft spürt, daß zwischen seinem Begehren und seiner Befriedigung eine Differenz besteht, die vom Willen des Anderen abhängt. «Der Haß ist als Relation zum Objekt älter als die Liebe » (Freud 1915, 231) – und zwar deshalb, weil das Objekt sich überhaupt erst durch die Relation des Hasses konstituiert. Die Grenze des Subjekts besteht aus frustrierter Liebe. Die Liebe ist – selbst-los; daher verlangt sie nach einem Objekt, aus dem sie, hat sie es ver­schluckt, das fehlende SELBST erzeugen will. Das Duell mit dem Fremden beginnt also mit der Liebe.

Literatur

Dvorak, J.: Kokain und Mutterrecht. Die Wiederentdeckung von Otto Gross (1877-1920). Neues Forum (Wien) 25 (Jul./Aug.), 52-61 (Materialien zu Gross im Anhang: 62-67), 1978.

Dvorak, J.: Arsen ein Leben lang. Das Drogen-Kursbuch eines Psychoanaly­tikers. Forum (Wien) 30 (Dez.) 44-50, 1983.

Dvorak, J.: Opiumträume in Bad Ischl. Wilhelm Stekel analysierte Otto Gross. Forum (Wien) 32 (Sept.), 45-55, 1985.

Federn, P.: Zur Psychologie der Revolution. Die vaterlose Gesellschaft. Wien (Anzengruber), 1919.

Freud, S.: Die Traumdeutung (1900). GW II/III.

Freud, S.: Zur Geschichte der psychoanalytischen Bewegung (1914). GW X, 43-113.

Freud, S.: Triebe und Triebschicksale (1915). GW X, 209-232.

Freud, S.: Briefe 1873-1939 (hg. von E. u. L. Freud). Frankfurt/M. (Fischer) 31980.

Gross, O.: Zur funktionellen Geistesbildung des Revolutionärs. Rätezeitung (Berlin) (1919). Neudruck: Neues Forum (Wien) 26, (März/Apr.) 64-67, 1979.

Hurwitz, E.: Otto Gross. Paradies-Sucher zwischen Freud und Jung. Frankfurt/M. (Suhrkamp) 1979.

Jones, E.: Das Leben und Werk von Sigmund Freud, Bd. I. Bern, Stuttgart, Wien (Huber) 1960.

Jung, F.: Sophie – Der Kreuzweg der Demut (1915). Reprint: Kraus 1973.

Nitzschke, B.: Der eigene und der fremde Körper. Bruchstücke einer psychoanalytischen Gefühls- und Beziehungstheorie. Tübingen (Konkursbuchverlag) 1985.

Nitzschke, B.: Nähe als Gewalt. Das Leben und Werk des Morphinisten, Psychoanalytikers, Anarchisten und «Schizophrenen» Otto Gross (1877-1920). In: Ders.: Sexualität und Männlichkeit – Zwischen Symbiosewunsch und Gewalt. Reinbek (Rowohlt) 1988 a, 188-214.

Nitzschke, B.: Vernunft und Sadismus. In: Ders.: Sexualität und Männlichkeit – Zwischen Symbiosewunsch und Gewalt. Reinbek (Rowohlt) 1988 b, 134-145.

Nitzschke, B.: Messer im Herz, Dreieck im Kopf. In: Ders.: Sexualität und Männlichkeit – Zwischen Symbiosewunsch und Gewalt, Reinbek (Rowohlt) 1988 c, 238-273.

Nitzschke, B.: Wilhelm Stekel, ein Pionier der Psychoanalyse. Anmerkungen zu ausgewählten Aspekten seines Werkes. In: Federn, E., Wittenberger, G. (Hg.): Aus dem Kreis um Sigmund Freud. Zu den Protokollen der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung. Frankfurt/M. (Fischer) 1992, 176-191.

Stekel, W.: Die Störungen des Trieb- und Affektlebens, Bd. VIII. Berlin, Wien (Urban & Schwarzenberg) 1925.

Stirner, M.: Der Einzige und sein Eigentum (1845). Neuausgabe: Stuttgart (Reclam) 1981.

Venturelli, A.: Nietzsche in der Berggasse 19. Über die erste Nietzsche-Rezeption in Wien. Nietzsche Studien 13, 1984, 448-480.

Der vorstehende Beitrag ist erstmals unter dem Titel Ende der Liebe – Beginn des Duells erschienen in: „Emile, Zeitschrift für Erziehungskultur“ 1 (Heft 2), 1988, 65-84. Die zweite Fassung dieses Textes (die hier nochmals überarbeitet wurde) ist erschienen unter dem Titel Der Einzige und sein Eigentum – der Körper des Anderen in: Bernd Nitzschke, Die Liebe als Duell ... und andere Versuche, Kopf und Herz zu riskieren, Reinbek (Rowohlt) 1991, S. 13-39.

Fußnoten:


[1] Das Buch erschien – vordatiert auf das Jahr 1845 – bereits im Herbst 1844, also im Geburtsjahr Nietzsches, im Jahr des Weberaufstandes in Schlesien.

[2] Max Stirner hatte zwar einige Platten von Janis Joplin angehört (darunter: «freedom is just another word for nothing left to loose ...»), aber er hatte den Text nicht richtig verstanden. Daher schrieb er: «Was bleibt übrig, wenn Ich von Allem, was Ich nicht bin, befreit worden? Nur Ich und nichts als Ich» (1981, 180).

[3] Eine untergeordnete sächsische Behörde mißtraute dieser Realitätskonstruktion, weshalb sie Stirners Buch «Der Einzige und sein Eigentum» verbieten ließ. Der Innenminister hob das Verbot wieder auf, wobei er auf die Gewissheit vertraute, daß die Realitätskonstruktion – hier das Böse, dort das Gute – in den Köpfen von Untertanen fest verankert sei. Das Buch werde beim Leser derartigen Abscheu erwecken, daß die Lektüre – die Intentionen des Verfassers unterlaufend – den sittlich-religiösen Standpunkt erst recht befestige, meinte der weise Herr.

[4] Der von Stirner ungeliebte Staat besitzt das Gewaltmonopol, aber auch die nötigen finanziellen Mittel, die Büttel der Gewalt ausreichend zu entlohnen: «Der Staat bezahlt gut, damit seine <guten Bürger>, die Besitzenden, ohne Gefahr schlecht bezahlen können; er sichert sich seine Diener, aus welchen er für die <guten Bürger> eine Schutzmacht, eine <Polizei> (zur Polizei gehören Soldaten, Beamte aller Art, z. B. die der Justiz, Erziehung usw., kurz die ganze <Staatsmaschine>) bildet, durch gute Bezahlung, und die <guten Bürger> entrichten gern hohe Abgaben an ihn, um desto niedrigere ihren Arbeitern zu leisten» (1981, 126).

[5] Der «Tod» hat viele, unzählige Gesichter – das einfältigste dieser Gesichter hat der physische Tod, mit dem Einfältige «den» Tod identifizieren.

6 Vgl. zu Otto Gross (1877-1920) ausführlich: Nitzschke (1985, 213-254; 1988 a).

7 Dvorak (1978) hat diese und andere Materialien von und über Gross im Anhang zu seiner großen Gross-Revue publiziert.

8 Dvorak (1985) entschlüsselte (vermutlich als erster) die von Stekel geschriebene Krankengeschichte und erkannte darin das Porträt des Otto Gross. Tatsächlich sind viele Details, die Stekel dem «M.K.» zuschreibt, auch in der von Hurwitz (1979) ausschnittweise wiedergegebenen, von C. G. Jung über Gross verfaßten Krankengeschichte enthalten. Um nur ein Beispiel zu nennen: In beiden Berichten wird erwähnt, daß Gross nachts nur bei Licht schlafen konnte. Es ist außerdem anzunehmen, daß Stekel Berichte C. G. Jungs vorlagen, denn manche Formulierungen klingen sehr ähnlich. Stekel weist allerdings die von Jung gestellte Diagnose «Schizophrenie» (dementia praecox) zurück. – Auf die gescheiten Arbeiten Dvoraks (1978, 1983, 1985) über Otto Gross hat mich Elisabeth Honsel (Münster) aufmerksam gemacht. Ich möchte mich an dieser Stelle ausdrücklich bei ihr für diese Hinweise bedanken.

9 Um die in dieser Anspielung auf das «Schlagwort «splendid isolation» enthaltene Spitze gegen Freud zu verstehen, muß man das (verunglückte) Verhältnis zwischen Freud und Stekel genauer kennen (vgl. ausführlich: Nitzschke 1992). Wenige Andeutungen sollen genügen: Anfang 1900 war Stekel für kurze Zeit ein Patient Freuds; danach wurde er dessen Schüler. Auf Stekels Anregung gründete Freud 1902 die Mittwochgesellschaft, aus der die Wiener Psychoanalytische Vereinigung hervorging. 1912 wurde Stekel in unschöner Weise aus dieser Gesellschaft ausgebootet (hinaus-intrigiert). Stekel versuchte später mehrfach, Freuds Pardon und Anerkennung wieder zu erhalten. Vergebens. Freud-Anhänger kolportierten das Gerücht, die Krankengeschichten Stekels seien größtenteils unglaubwürdig, weil «erfunden». Im Falle der Krankengeschichte von «M.K.» (also Otto Gross) läßt sich diese Behauptung nicht verifizieren. Quervergleiche (etwa mit C. G. Jungs Notizen über Otto Gross) bestätigen in diesem Fall Stekels Verlässlichkeit. Stekel, der – wie oben zitiert – Gross als machtgierigen Menschen charakterisierte, der in der Welt seiner Phantasien haust und sich andere Menschen ängstlich vom Leib hält, hat den Ausdruck «splendid isolation» an dieser Stelle gwiß nicht zufällig gewählt. Denn dieser Ausdruck war auch ein Markenzeichen für Freud, der über sich geschrieben hatte: «Wenn ich aus den Verwirrungen und Bedrängnissen der Gegenwart auf jene einsamen Jahre zurückblicke, will es mir scheinen, es war eine schöne, heroische Zeit; die splendid isolation entbehrte nicht ihrer Vorzüge und Reizen» (1914, 60). Stekel hatte Freud durch die vorgeschlagene Gründung der Mittwochgesellschaft aus der «splendid isolation» befreit – ihn dann aber als einen machtgierigen Menschen erlebt.

10 Anfang 1919 war von Paul Federn, Mitglied der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung, eine Broschüre mit dem Titel «Zur Psychologie der Revolution. Die vaterlose Gesellschaft» publiziert worden. Es mag sein, daß Gross mit seiner Kurs-Ankündigung hierauf reagierte.

11 Der Gedanke ans Duell war Freud auch nicht fremd. So berichtet er in der «Traumdeutung» (1900, 218), in seiner Studentenzeit habe es in einem Verein (dem Leseverein deutscher Studenten Wiens, dem Freud bis 1878 angehörte) eine philosophische Diskussion gegeben, wobei er einen Diskussionspartner beleidigt habe. Dem Kontrahenten – es handelte sich (laut Jones 1960, 65) um Viktor Adler, den späteren Führer der österreichischen Sozialdemokratie – sei nahegelegt worden, sich von der Schmach durch ein Duell zu befreien. «Der Beleidigte war zu verständig, um das Ansinnen einer Herausforderung, das man an ihn richtete, anzunehmen, ließ die Sache auf sich beruhen» (Freud 1900, 218). Im Leseverein deutscher Studenten Wiens» wurden drei Autoren mit besonderem Interesse gelesen, diskutiert und verehrt: Schopenhauer, Nietzsche und Wagner. Josef Paneth, ein enger Freunde Freuds, hatte im Leseverein über Nietzsches Zweite Unzeitgemäße Betrachtung referiert und Viktor Adler hatte das Koreferat gehalten (Venturelli 1984). Später hat Paneth bei einem Besuch an der Riviera Nietzsche sogar persönlich kennen gelernt. Als später Übereinstimmungen zwischen der Psychoanalyse und Schriften Schopenhauers oder Nietzsches festgestellt wurden, beteuerte Freud, er habe, als er die psychoanalytische Theorie zu entwerfen begann, weder etwas von Schopenhauer noch von Nietzsche gelesen. – Und noch eine Anmerkung zu Freuds Erfahrung mit dem Duell: Carl Koller, ein jüdischer Kollege Freuds, war von einem Antisemiten beschimpft worden. Koller forderte den Beleidiger zum Duell, das Koller gewann. Freud geriet, als er dies hörte, in «heftige Erregung», wie er Koller am 6. 1 .1885 schreibt. Daß sich ein Mann wie Koller handgreiflich verteidigte, nachdem er in seiner Ehre verletzt worden war, das begeisterte den knapp dreißigjährigen Freud. Dessen Vater hatte sich gebückt und nicht verteidigt, nachdem ihm ein Antisemit die Mütze vom Kopf geschlagen hatte. Als er diese Geschichte vom Vater hörte, schwärmte Freud für andere Väter – für Helden und Rächer wie den Feldherrn Hannibal. Und als er von Kollers gewonnenem Duell hörte, lautete Freuds innigster Wunsch: auf Du und Du mit einem Duellanten. Generös bot er Koller das Du an: «Ich selbst würde mich sehr freuen, wenn Sie mein Anerbieten annehmen würden, in unserem Verkehr das vertraute <Du> als äußerliches Zeichen aufrichtiger Freundschaft, Teilnahme und Hilfsbereitschaft gelten zu lassen» (Freud 31980, 136).