Nitzschke, B. (1996)
In Freud und bei Freud finden wir vieles: den bürgerlich-ordentlichen
pater familias und den Rebellen gegen die väterliche Imago; den braven
k. u. k.-Untertanen und den sexualpolitischen Freigeist; den Gesetzgeber
und den Gesetzesbrecher; den gottlosen Juden und den mit Moses identifizierten
Mann; den Homophilen und den Frauenfreund; den Arzt und den Menschenhasser;
den "harten" Naturwissenschaftler und den "weichen" Hermeneutiker im Reich
der Träume; den Verteidiger der Kultur und den Apologeten kulturfeindlicher
Triebe. In Nitzschkes Essays schließen sich all diese Züge zu
einem Freud-Portrait zusammen, das bewusst darauf verzichtet, eine glatte
Oberfläche zu zeigen.
Nitzschkes Essays ... sind Kabinettstücke der Deutungskunst.
Da argumentiert kein Analytiker, der auch schreibt, sondern ein psychoanalytischer
Schriftsteller. Die Erzählung eines Kapitels aus Freuds Lebens-"Roman"
– "Liebe, Tod und Trauer" – verbindet denkbar behutsame Literaturinterpretation
mit biographischen Motiven zu schlackenloser Einheit. In diesem buchstäblich
einleuchtenden Portrait gelingen dem immer glänzenden Stilisten Bernd
Nitzschke Einsichten und Formulierungen von Rang. ... Das Komplizierte
vermag Nitzschke einfach auszudrücken, und doch schwingen dabei stets
jene Obertöne mit, die wissenschaftlicher Nüchternheit erst die
Würde emotionalen Ernstes gibt. Mehr kann man von Prosa außerhalb
des Poesiebezirks kaum verlangen.
Portraitskizzen des bekannten Psychotherapeuten
und Publizisten Bernd Nitzschke entwerfen aus der Persönlichkeit
Freuds, seiner Biographie, seinem Werk, seiner "Bewegung",
seinen Gegnern, Anhängern und Verwaltern ein Bild, das einen eigenständigen
Platz hält zwischen Hagiographie und unangemessener Kritik. |
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